Multipes Myelom / Plasmozytom
Beim Plasmozytom oder dem Multiplen Myelom handelt es sich um eine zur Zeit noch unheilbare, bösartige Tumorerkrankung von Zellen des Immunsystems, den Plasmazellen. Gesunde Plasmazellen bilden Eiweißstoffe, sogenannte Antikörper, die sich gegen zahlreiche Krankheitserreger wie Viren oder Bakterien richten.
Bei Plasmozytom-Patienten kommt es zu einer unkontrollierten Vermehrung von Plasmazellen, die in der Regel zunächst im Knochenmark beginnt. Durch die Vermehrung der Plasmazellen wird das Wachstum der gesunden, blutbildenden Zellen im Knochenmark gehemmt, so dass gesunde weiße und rote Blutkörperchen sowie Blutplättchen vermindert ins Blut abgegeben werden. Gleichzeitig wird das Knochengewebe in diesen Skelettanteilen angegriffen.
Am häufigsten betroffen sind Wirbelsäule, Beckenknochen und Rippen. Durch die Zerstörung von Knochengewebe, das aus Kalziumkristallen aufgebaut ist, kann es zu einem kritischen Anstieg des Kalziums im Blut kommen. Die bösartigen Plasmazellen bilden in der Regel große Mengen von Antikörpern, so dass der Eiweißgehalt des Blutes erheblich ansteigt. Ein Teil des Eiweißes kann über die Niere ausgeschieden werden und zu Einschränkungen der Nierenfunktion führen.
Inzidenz
Seltene Krankheitsform, die überwiegend ältere Menschen betrifft. Pro Jahr erkranken in Deutschland etwa 4 von 100 000 Einwohnern an einem Plasmozytom.
Die Überlebenszeit von Patienten mit multiplem Myelom schwankt individuell zwischen einigen Monaten und vielen Jahren. Eine Aussage über die Prognose des Patienten ist daher für die Therapieplanung von besonderer Bedeutung.
Diagnose
Die Diagnose eines multiplen Myeloms gilt als gesichert, wenn die Minimalkriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erfüllt sind:
- Nachweis von >10% teilweise atypischen Plasmazellen
- Nachweis eines M-Proteins im Serum und/oder Urin
- Nachweis von mindestens einer Osteolyse
oder erniedrigte Werte der nichtmonoklonalen Proteine (<50 % der Norm).
Somit gibt es bei dieser pragmatischen Diagnosestellung keinen Befund, der für sich allein die Diagnose zweifelsfrei zulassen würde. Erst das Zusammentreffen typischer Befunde macht die Verdachtsdiagnose sehr wahrscheinlich. Damit lassen sich in der Regel aber nur Fälle im fortgeschrittenen Stadium diagnostizieren.
Neue therapeutische Konzepte benötigen zuverlässige Informationen über die Biologie des Tumors (Bestimmung der Aggressivität und Ausbreitung). Eine moderne Myelomdiagnostik muss die Diagnosestellung vor allem auch möglichst frühzeitig, zumindest vor Eintreten von Organkomplikationen erlauben, um dem behandelnden Arzt Zeit für die Verlaufsbeobachtung und für gezielte präventive und supportive Maßnahmen einzuräumen. Mit dieser Strategie kann die Überlebenszeit und vor allem die Lebensqualität der Myelompatienten unabhängig von der Wahl der Chemotherapie verbessert werden. Eine detaillierte Malignitätsbeurteilung liefert zusätzlich zum Faktor Alter wichtige Argumente bei der Entscheidung, ob dem Patienten eine Stammzelltransplantation oder allogene Knochenmarkstransplantation, oder möglicherweise zunächst keine Therapie empfohlen werden soll.
Proteine im Serum
Die Proteinchemie mit den qualitativen und quantitativen Bestimmungen der Immunglobuline im Serum und Urin gehört zur Basisdiagnostik. Für die prognostische Beurteilung haben sich in den letzten Jahren vor allem das Beta-2-Mikroglobulin, das Albumin, das C-reaktive Protein und verschiedene Zytokine im Serum bewährt.
Bildgebende Verfahren
Bei den bildgebenden Verfahren ist das Röntgenbild weiterhin unentbehrlich für die Beurteilung des Knochenstatus. Die Einführung der Magnetresonanztomographie in die Diagnostik des multiplen Myeloms ermöglicht erstmals eine Gesamtbeurteilung der Tumorausbreitung im Knochenmark und läßt Myelome im Frühstadium noch vor dem Auftreten von Osteolysen lokalisieren. Damit ist eine gezielte präventive Therapie von Knochenläsionen möglich.
Der Knochenmarkbiopsie und Aspiration kommt eine besondere Rolle zu, da neben der Diagnosesicherung und prognostischen Beurteilung des Tumors auch wichtige Informationen über die Blutbildung und den Knochenumbau gewonnen werden. Die kombinierte Anwendung von Biopsie und Aspiration des Knochenmarks hat sich bestens bewährt und auch gezeigt, dass beide Methoden nicht konkurrieren, sondern sich in hohem Maße diagnostisch ergänzen. Das große Blutbild (einschließlich eines Differentialblutbildes) gibt Hinweise über den Funktionszustand der Hämatopoese und liefert wichtige prognostische Parameter wie Anämie, Thrombozytopenie oder leukämische Aussaat von Plasmazellen.
Die Knochenmarkdiagnostik bildet somit nach wie vor das Fundament im diagnostischen Gebäude plasmazellulärer Neoplasien. In der Zusammenschau mit den klinischen, serologischen und radiologischen Befunden wird das individuelle Plasmozytom/multiple Myelom hinsichtlich Diagnose, Stadium, Wuchsform und Malignität definiert und, wenn nötig, einer differenzierten Therapie zugeführt.